Dem soeben veröffentlichten Untersuchungsbericht zufolge standen Gazprom und die staatliche ukrainische Naftogaz Ende Dezember kurz vor dem Abschluss eines Vertrags über die künftigen Gaspreise für die Ukraine und die Durchleitung nach Europa. Kurz vor der Unterzeichnung des Vertrags wurde Naftogaz-Chef Oleg Dubina nach Kiew zurückbeordert. Die Vorsitzende der ukrainischen parlamentarischen Untersuchungskommission, Inna Bogoslowskaja, erklärte: »Es ist bewiesen, dass die ukrainische Seite an dem koordinierten Vorgehen beteiligt war, die Gespräche über den Vertrag zu sabotieren und einen Gaskonflikt zu provozieren.«
Durch den anschließenden Streit, den schlimmsten zwischen Russland und einem Transitland überhaupt, erhielten mehr als ein Dutzend Länder in Europa zwei Wochen lang weniger oder überhaupt kein Gas, und das mitten im kalten Winter. Dadurch ist der Ruf beider Länder, der Ukraine und Russlands, als zuverlässige Energielieferanten geschädigt worden. Die Bedingungen des Vertrages zwischen Gazprom und der Ukraine, der schließlich am 19. Januar unterzeichnet wurde, sind laut Bogoslowkajas Angaben wesentlich ungünstiger für die Ukraine als die des ursprünglichen Vertragsentwurfs. Sie erklärte, die Kommission werde beim Büro der Bundes-Staatsanwaltschaft in Kiew ein Verfahren gegen die Verantwortlichen in der Ukraine beantragen.
Gleichzeitig wies die Kommission aber die Beschuldigung Russlands zurück, wonach die Ukraine Gas gestohlen habe. Moskau hatte behauptet, die Ukraine hätte die Gasversorgung nach Europa angezapft und den Hahn völlig zugedreht, weil das Gas angeblich ohnehin nicht bei den vorgesehenen Empfängern ankäme. Boguslowskaja: »Die Ukraine hat zwar 52 Millionen Kubikmeter Gas aus der russischen Pipeline entnommen, diese aber bald wieder ersetzt.«
Die Rada, das Parlament der Ukraine, hatte die Kommission kurz nach der Beilegung des Gaskonflikts einberufen, um »das Funktionieren des Gastransportsystems unseres Landes zu überprüfen« und den Transit russischen Gases nach Europa zu kontrollieren.
Neue Pipelineroute beschleunigt
Der politische Streit hat sich unmittelbar so ausgewirkt, dass jetzt die Dringlichkeit alternativer Pipelinerouten nach Westeuropa unter Umgehung der Ukraine vorrangig behandelt wird. Bulgariens Präsident Georgi Parwanow hat die Europäische Union aufgefordert, das Genehmigungsverfahren für das (russisch-italienische) Gaspipelineprojekt South Stream zu beschleunigen. Die Diversifikation der Energieversorgung gehörte auch zu den wichtigsten Themen bei den jüngsten Gesprächen, die Parwanow mit dem russischen Präsidenten Medwedew in Moskau geführt hat. Bulgarien gehörte zu den von der jüngsten Gaskrise am schlimmsten betroffenen Ländern. Es ist zu einem hohen Grade von russischem Gas abhängig.
Jetzt haben Präsident Dmitri Medwedew und sein Amtskollege Parwanow eine Vereinbarung zur Beschleunigung des Baus der South-Stream-Pipeline unterzeichnet. Nach ihrer Fertigstellung wird durch diese Pipeline russisches Erdgas unter Umgehung der Ukraine nach Europa transportiert. Bulgarien verlangt eine Entschädigung für die durch den Streit entgangenen Gaslieferungen in Höhe von 250 Millionen Euro. Russland hat klargestellt, dass allein die Ukraine verantwortlich und deshalb Ansprechpartner für Entschädigungsansprüche ist.

Durch die Gaspipeline South Stream würde russisches Gas unter dem Schwarzen Meer hindurch nach Bulgarien und von dort weiter in die übrigen EU-Länder transportiert.
Nach Parwanows Angaben steht die Unterstützung Bulgariens für das South-Stream-Projekt nicht im Widerspruch zu seiner Unterstützung der Pipeline Nabucco, die – vom Kaspischen Meer herkommend – russisches Territorium umgehen soll. »Wir hoffen, dass die Bemühungen zum Bau von South Stream intensiviert werden; wir werden das Projekt unterstützen. Wir unterstützen allerdings auch Nabucco, weil dies für Europa eine Priorität bedeutet«, erklärte der bulgarische Staatspräsident.
Nabucco-Pipeline: Viel steht auf dem Spiel
Obwohl Nabucco, die mit aserbaidschanischem Gas beliefert werden soll, noch gar nicht gebaut ist, steht bei diesem Projekt – das von Washington unterstützt wird, weil man sich davon eine verringerte Abhängigkeit der EU von russischem Gas verspricht – viel auf dem Spiel. Alexander Medwedew von Gazprom erklärte, der russische Gasriese werde eventuell die geplante Kapazität von South Stream erhöhen. Man geht davon aus, dass eine größere Leitung die Unterbrechung der Gaslieferungen nach Europa erschweren würde. Aber die größte Bedeutung der South-Stream-Pipeline liegt darin, dass sie die Ukraine umgeht und Gas über Bulgarien und Serbien nach Ungarn und Österreich transportieren würde. Dazu müssten 1800 Kilometer Rohre auf dem Grund des Schwarzen Meeres verlegt werden, was die hohen Kosten dieses Projekts erklärt.
Energie-Analysten in London behaupten, die South-Stream-Pipeline werde doppelt so teuer wie die von den USA favorisierte Nabucco-Pipeline, die aserbaidschanisches Erdgas unter Umgehung Russlands über die Türkei nach Westeuropa transportieren soll. Washington hat in Brüssel Druck gemacht, Nabucco als Maßnahme gegen den wachsenden wirtschaftlichen Einfluss Russlands in der EU zu unterstützen. Das Problem besteht heute jedoch darin, dass Nabucco zwar vielleicht billiger zu bauen sein mag, die Nabucco-Partner jedoch nicht auf eine sichere Gasversorgung durch die Pipeline rechnen können.
Russland hat einen langfristigen Vertrag zum Kauf von Gas aus Zentralasien, und kann einerseits einiges davon über die South-Stream-Pipeline umleiten. Andererseits hat man in Zentralasien noch nicht genug Gas gefunden, um die Nabucco-Pipeline zu füllen. Selbst wenn sie gebaut wird, kann Nabucco höchstens ein Drittel des europäischen Gasbedarfs transportieren.
Außerdem hat Gazprom erklärt, man sei bereit, den Bau der geplanten russisch-deutschen Ostseepipeline – North Stream – zu beschleunigen und ihre Kapazität gemäß den Wünschen der westlichen Partner zu erhöhen.
Russland unterstützt jetzt drei Pipelineprojekte, um Gas direkt – unter Umgehung der Ukraine – nach Westeuropa zu pumpen : North Stream durch die Ostsee, South Stream durch das Schwarze Meer sowie einen zweiten Zweig der bereits existierenden Pipeline Blue Stream, die seit November 2005 russisches Erdgas durch das Schwarze Meer in die Türkei transportiert.
Bundeskanzler a.D. Gerhard Schröder, der Aufsichtsratsvorsitzende der NEGP Company, die das North-Stream-Projekt plant und betreiben wird, erklärte bei einem Treffen mit Russlands Premierminister Putin: »Alle Mitgliedsstaaten der EU haben dem North-Stream-Projekt zugestimmt. Jetzt ist es Aufgabe aller beteiligten Länder, das Projekt zu unterstützen. Wenn sich alle Länder an die Vereinbarung halten, wird die North-Stream-Gaspipeline im Oktober 2010 in Betrieb genommen.«

Die russisch-deutsche Ostseepipeline (North Stream) soll die Abhängigkeit vom Transit durch die Ukraine und Polen verringern.
Einige EU-Staaten haben bislang gezögert, weil ihrer Meinung nach die North-Stream-Pipeline die Abhängigkeit Europas von russischem Gas noch weiter erhöhen wird. Doch jetzt bleibt ihnen nicht viel anderes übrig. Es gibt nur wenige Erdgasquellen: Europa selbst – vor allem Norwegen – sowie Nordafrika und Russland.
Moskau schlägt vor, sein Gas anderweitig auf dem Weltmarkt zu verkaufen, falls die EU-Länder nicht endlich den Bau der North-Stream-Pipeline ermöglichen. »Die Europäer müssen sich entscheiden, ob sie das Gas in der durch die Pipeline transportierten Menge wollen oder nicht. Wenn nicht, dann werden wir keine Pipeline bauen, sondern wir bauen Anlagen zur Gasverflüssigung und verkaufen das Gas auf dem Weltmarkt«, erklärte Putin vor Kurzem nach Gesprächen mit Finnlands Ministerpräsident Matti Taneli Vanhanen in Moskau. Er fügte hinzu, Russland werde beim Bau der Pipeline mit Umweltorganisationen zusammenarbeiten, und Umweltgruppen würden alle benötigten Informationen erhalten.
Durch die North-Stream-Pipeline soll russisches Gas direkt, ohne Transitländer zu tangieren, zu den Verbrauchern in Europa strömen. Sie soll auf dem Boden der Ostsee verlegt werden.
Afghanisch-turkmenische Geopolitik?
Ein Grund für die Entscheidung des Weißen Hauses unter Obama, die Präsenz der US-Truppen in Afghanistan zu erhöhen, ist die Entdeckung eines neuen riesigen Gasfeldes in Turkmenistan. Bisher ist Gazprom der wichtigste Abnehmer turkmenischen Gases.
Die unabhängige Beraterfirma GCA aus Nürnberg schätzt, dass dieses Yolotan-Gasfeld in Ost-Turkmenistan möglicherweise die viertgrößte Erdgas-Lagerstätte der Welt ist. Mit dem Gas aus dem Feld Yolotan könnten nicht nur die derzeitigen Abnehmer in Russland und China beliefert werden, sondern Yolotan könnte auch ein Reservelager für das Nabucco-Projekt bilden. Die jüngste Einschätzung von GCA hat bestätigt, dass das Yolotan-Feld nahe der Grenze zu Afghanistan zwischen vier und 14 Billionen Kubikmeter Erdgas enthält.
Damit wäre dieses Gasfeld eines der größten der ganzen Welt. Im Vergleich dazu enthält Gazproms Offshore-Feld Shtokman in der russischen Arktis insgesamt Reserven von 3,7 Billionen Kubikmetern. Allerdings macht die Förderung in Yolotan große Investitionen nötig.
Zusätzlich zu den bereits bestehenden Abnehmern wie Russland und China ist möglicherweise die EU besonders daran interessiert, in diese zusätzliche Versorgung für das Nabucco-Projekt zu investieren. Die Behörden in Turkmenistan behaupten, das Land könne pro Jahr bis zu 150 Milliarden Kubikmeter Gas fördern. Vergleicht man dies mit den gegenwärtigen Abnehmermengen, dann bleiben noch 47 Milliarden Kubikmeter übrig.
Und das ist mehr als genug für die vorgeschlagene und von der EU unterstützte Nabucco-Pipeline – die Russland umgeht –, obwohl dieses Gas vermutlich erst später genutzt werden kann. Vor dem Jahr 2015 kann es kaum als nutzbare Nachschubquelle für Nabucco in Betracht gezogen werden. Auch die Kosten für das Nabucco-Gas von dem Yolotan-Feld wären viel höher als die von South Stream. Ein Kilometer der Nabucco-Pipeline kostet doppelt soviel wie die russische Pipeline South Stream, und angesichts der jetzigen Krise werden die Kosten nach Einschätzung von Ingenieuren eher noch steigen.
© 2009 Das Copyright dieser Seite liegt, wenn nicht anders vermerkt, beim Kopp Verlag, Rottenburg
Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Meinung des Verlags oder die Meinung anderer Autoren dieser Seiten wiedergeben.